Nischentheorie
Die Stammzellenbiologie repräsentiert eine der größten Entdeckungen in der Geschichte der Biomedizin mit außergewöhnlichen therapeutischen Anwendungsmöglichkeiten. Neben der eingangs erwähnten Eigenschaft der Stammzelle, sich asymmetrisch zu teilen, besitzt sie eine weitere besondere, unglaublich wertvolle Fähigkeit: Zum Unterschied einer normalen (fertig ausgebildeten, ausdifferenzierten) Zelle kann die Stammzelle ihre Identität (Weiterentwicklung, Ausdifferenzierung) in Abhängigkeit von der Umgebung, in der sie sich befindet bzw. in die sie eingebracht wird (z. B. beim Transplantationsvorgang), verändern. Die neue Umgebung ist dann die neue Nische. Während eine bestimmte Nische für differenzierte Zellen lebensbestimmend ist, ist dies für Stammzellen nicht der Fall. Ändert sich die Nische, bedeutet das für eine reife Zelle normalerweise den Zelltod oder vollständige Inaktivität. Für eine Stammzelle bedeutet der Wechsel der Nische zunächst einen Aktivitätsstopp, danach tritt eine regenerative bzw. reparative Phase ein und in weiterer Folge eine Veränderung der Differenzierung in Abhängigkeit von der neuen Umgebung.
Damit die Stammzelle in der neuen Nische die „richtige Identität“ annimmt, benötigt sie die notwendige biologische Information. Wie Stammzellen diese Information über die Umgebung erhalten (Nischentheorie) ist Gegenstand intensivster wissenschaftlicher Forschungen. Es gibt zahlreiche Theorien, wie die Information zur Stammzelle gelangt: Es geht um Botenstoffe (Transmitter), die entweder über die extrazelluläre Umgebung oder über die Blutzirkulation und/oder die Lymphgefäße bzw. über das Nervensystem die Stammzellen erreichen.
Die im Fettgewebe vorhandenen mesenchymalen Stammzellen besitzen die Fähigkeit, sich u. a. zu Hautgewebe, Knochengewebe, Muskelgewebe, Sehnen, Bindegewebe, Blutzellen, Gefäße und Fettzellen auszudifferenzieren. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass Hautzellen einer anderen Stammzelllinie entspringen, nämlich dem Ektoderm.


